2017 – DIE WENDE

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Durch Auslosung laut der Statuten, schied Jean Willemin aus dem Vorstand aus und wollte auch nicht erneut beitreten. Im „Die Wende“ drückt Jean seine grosse Verbundenheit zu unserem Verein aus.

Aus der verbotenen Liebesbeziehung zwischen einer jungen französischen Frau und einem deutschen Soldaten entstanden, wurde ich am 9. April 1944 geboren. Meine Mutter hielt zeitweise einen brieflichen Kontakt zu meinem Vater. Doch dies war nicht von Dauer. In den Jahren 1960-1961 unternahm meine Mutter Recherchen. Diese wurden jedoch am 13. August 1961 mit dem brutalen Bau der Berliner Mauer abrupt unterbrochen. Denn mein Vater wohnte in Ostberlin.

Wie Viele von uns wurde ich durch den sehenswerten und ergreifenden Fernsehfilm „Enfants de Boches“ („Deutschenkinder“) am 13. März 2003 wachgerüttelt.
Auf der Suche nach einer Vereinigung von Kriegskindern gab ich im September 2003 eine Anzeige in der Monatszeitschrift „Notre temps“ („Unsere Zeit“) auf. Ich erhielt sechs negative Antworten. Da ich aber allen sechs Personen zurückgeschrieben hatte, kontaktierte mich im März 2009 eine dieser Personen und erzählte mir von Herzen ohne Grenzen.

Ich wurde sofort Mitglied unseres Vereins. Jean-Jacques Delorme, damaliger Vorsitzender, überzeugte mich kurz darauf, Mitglied des Direktionskomitees zu werden.
Zuvor hatte ich bereits 2004 eine Anfrage bei der WASt eingereicht und auf diesem Wege erfahren, dass mein Vater im Dezember 1990 gestorben war.

Im April 2005 fand in Berlin eine Konferenz mit französischen Personen des öffentlichen Lebens statt, die für die Situation der Kriegskinder sensibilisiert waren. Und so entstanden die beiden gegenwärtigen Vereine. Unter den Gründern von Herzen ohne Grenzen war Michel Blanc, der dann erster Kassenwart wurde.
So war ich sieben Jahre lang Mitglied des Direktionskomitees, der später Verwaltungsrat wurde. Ich erlebte also den brutalen und ungeklärten Rücktritt des Vorsitzenden Delorme und auch die Wahl des Vorsitzenden Michel Blanc.
Seither sieht sich Letzterer permanent persönlichen, ungerechtfertigten Angriffen über die Situation seines Vaters ausgesetzt. Dies belastet ihn sehr. Seine Wurzeln gehen nur ihn etwas an.

Seine Anwesenheit in Berlin im Jahre 2005, sein Engagement bei der Gründung von HOG in 2006 sowie sein persönlicher, tagtäglicher Einsatz für die Belange der Kriegskinder würden schon ausreichen, wenn seine Glaubwürdigkeit und seine Treue zur eigenen Ethik sowie seine persönlichen Qualitäten bewiesen werden müssten. Er ist der richtige Mann für unser Projekt.

In diesen sieben Jahren erfreute ich mich der freimütigen, kameradschaftlichen Atmosphäre, der Kompetenz und der Einsatzbereitschaft der anderen Mitglieder des Verwaltungsrats. Die Diskussionen waren hoher Qualität, teilweise gab es auch Meinungsverschiedenheiten. Man konnte sich aber immer auf eine Lösung einigen, die für HOG im Allgemeinen und für die Mitglieder insbesondere stets die beste war. Entscheidungen wurden nie dernSchönrednerei wegen getroffen, oder um das eine oder andere Mitglied des Verwaltungsrats zu schmeicheln.

Warum sollte ich unter diesen wunderbaren Bedingungen den Verwaltungsrat verlassen? Dies ist eine wohl berechtigte Frage.

Ich möchte es betonen: Es gibt keinen einzigen Kritikpunkt, den ich gegen ein oder mehrere Mitglieder des Verwaltungsrats zu äußern hätte. Auch über die Art und Weise, wie der Verein funktioniert, habe ich nichts Negatives anzumerken. All meine Kollegen bedauern meinen Abgang.

Nun bin ich der Meinung, dass eine siebenjährige Amtszeit genug ist, auch wenn diese Dauer vermutlich notwendig ist. Irgendwann wird man von dem sogenannten Peters-Prinzip eingeholt. Und dieses Peters-Prinzip führt dazu, dass man mit den wachsenden Aufgaben im Laufe der Zeit zu jenem Punkt gelangt, an welchem die eigene mangelnde Kompetenz sichtbar wird. Dann gibt es auch dieses gewisse menschliche Gefühl der Müdigkeit. Schließlich denke ich auch an den Fortbestand des Vereins: Mit den neuen Mitgliedern, die andere Ideen einbringen, sollte der Verein frischen Wind bekommen. Selbstverständlich bleibe ich Mitglied unseres Vereins. Ich werde ein aktives, aufmerksames und hilfsbereites Mitglied sein, das sich zu Wort meldet, wenn es notwendig ist. Alle Mitglieder haben über das ganze Jahr hinweg die Möglichkeit, ihre Meinung zu äußern, indem sie auf Fragebögen und Briefe reagieren können. Der Verwaltungsrat von Herzen ohne Grenzen ist kein unzugängliches, dunkles Kabinett, das im Geheimen agiert. Ganz im Gegenteil, er ist offen und stets bereit, jedem – auch außerhalb der Jahresversammlung – zuzuhören.
Danke an all diejenigen, die mir bei meinen Aufgaben unterstützt haben.
Ein Hoch auf Herzen ohne Grenzen!

Das Jahr 2016 endet mit 3 glücklichen Ereignissen:

Doppelte Staatsbürgerschaft:

Jean Willemin hat von der Deutschen Botschaft in Paris auf seine Anfrage um die deutsche Staatsbürgerschaft, eine positive Antwort erhalten. Beginn 2017 wird Jean Deutscher sein wie sein Vater und zugleich auch Franzose wie seine Mutter.
Wir wünschen Jean das Beste für seine nun vereinten Wurzeln.

Beifügung des Namen des Vaters:
Suzy Vrai und Daniel Rouxel erhielten von Deutschland die Staatsbürgerschaft ihres Vaters, wünschen aber auch den Namen
des Vaters zu tragen. Beide leiteten die dazu benötigten Schritte ein und dürfen von nun an den Namen des Vaters tragen.

Durch ministeriellen Erlass trägt Suzy Vrai auch noch den Namen Walkling, sie nennt sich nun offiziell Suzy Vrai-Walkling.

Durch ministeriellen Erlass trägt auch Daniel Rouxel nun offiziell den Namen Rouxel-Hammon.

Suzy, Daniel und Jean kämpften eisern, um die Rechte aller Kriegskinder voranzutreiben.
Wir sind ihnen alle zu großem Dank verpflichtet.

22/11/2016 Jean WILLEMIN