APPELL ZUM INTERNATIONALEN STATUS

VUB – Brüssel


Tag der Flüchtlinge und der Migration

 

Anlässlich der Vergabe des Doktortitels honoris causa an Frau Dr. Emma Bonino und die Einwohner von Lampedusa – vertreten durch Herrn Dr. Pietro Bartolo – hat die VUB (Vrije Universiteit Brussel), die niederländischsprachige Schwesteruniversität der Université Libre de Bruxelles, den Tag der Flüchtlinge und der Migration am 29. November 2017 der Problematik der Flüchtlinge und insbesondere der jüngeren unter ihnen gewidmet. Denn auch Lehreinrichtungen von Hochschulen haben die Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen und auszubilden.

Dr. Gerlinda Swillen verfasste einen Appell der während des zweiten Weltkrieges geborenen Kinder

Appell der während
des zweiten Weltkrieges geborenen Kriegskinder
für die Anerkennung eines internationalen Status
von heutigen und künftigen
Kriegskindern im engeren Sinne.

Kriegskinder im engeren Sinne :

„Kriegskinder im engeren Sinne“ sind Kinder, deren Erzeuger Ländern, Regionen und Völkern angehören, die sich in einem Krieg befinden. Ohne diesen Krieg wären sich diese Menschen höchstwahrscheinlich nicht begegnet, weshalb diese Kinder als „durch den Krieg geboren“ bezeichnet werden.

Sehr geehrte Frau Rektorin,

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Kinder, die durch den zweiten Weltkrieg geboren wurden, sind aufgrund ihrer Erlebnisse Experten in diesem Thema; vor dem Hintergrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse richten sie diesen Appell an Sie. Zunächst stellen sie Ihnen aber folgende Frage: Was hätten Romeo und Julia für Pläne gehabt, wenn der Tod sie nicht überrascht hätte? Heimlich hätten sie sich geliebt und Kinder gezeugt wie in Bellinis Oper Norma. Und ihre Familien und Freunde hätten sich weiter gegenseitig bekriegt und Kinder in die Welt gesetzt.

Denn Kriege gebären Kinder, nicht nur aus Liebesbeziehungen. Und Männer und Frauen sind nicht immer mit den Kriegen einverstanden, die in ihren Namen geführt werden. Oder sie wollen in einem erotischen Rausch der Grausamkeit des Krieges entkommen. Abgesehen vom Sexualverlangen wird aus der Not heraus Sex zu einer käuflichen Ware degradiert. Durch Gewalt und Vergewaltigungen haben manche Befehlshaber Sexualität als Waffe zur Vernichtung von Identität eingesetzt und damit ganze Völker jeglicher Überlebenschance beraubt oder für Generationen gebrandmarkt.

Heute noch finden Historiker, Forscher der Psychologie- und Sozialwissenschaften sowie Therapeuten und Ärzte Spuren des ersten Weltkrieges. Ein Jahrhundert reicht nicht aus, um die Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen zu beseitigen. Ihre Nachkommen wissen wohl am besten, dass wir mit unseren individuellen und gemeinschaftlichen Traumata die Zukunft belasten.

Denn was wäre das Schicksal der Kinder von Romeo und Julia und ihrer jeweiligen Familien gewesen? Um es kurz zu sagen, sie wären als „Kinder des Feindes“ betrachtet worden. Aber was hat das eigentlich für Folgen?

– Keine der im Krieg verwickelten Parteien akzeptiert sie. Sie werden geächtet. Genau so wie ihre Mütter, die als Verräterinnen und Huren beschimpft werden. Schwangere Frauen sehen keinen Ausweg oder sie haben nicht die Möglichkeit, sich für eine Abtreibung unter ärztlicher Betreuung zu entscheiden. Wollen sie das Kind austragen, wissen sie weder wo, noch unter welchen Bedingungen sie entbinden sollen. Nach der Geburt wissen sie nicht, was sie mit dem Kind tun sollen.

– Weder die Existenz noch die Identität des Kindes sind geschützt. Denn es ist oftmals unbekannt, wo die Geburt stattfand und – wenn überhaupt – unter welchem Namen sie registriert wurde. Manchmal ist der Kindesmord der einzige Ausweg, oder er wird von Dritten begangen. Kinder werden entführt. Selten geschieht es mit der guten Absicht der Adoption. Kriegskinder werden häufig zu Handelsware wie Arbeitskräfte oder Sexobjekte. Oder sie werden für den Verkauf von Organen missbraucht.

– Kindersoldaten und Trostmädchen kamen oft als „Kriegskinder im engeren Sinne“ auf die Welt. Manche werden bei Selbstmordanschlägen eingesetzt.

Der Horror, den sie durchleben, ihr Leiden ist uns kaum vorstellbar. Es gibt aber Reporter, die uns ihre unbeschreiblichen Erlebnisse schildern. Wenn man den Bericht des UN-Generalsekretärs für die Generalversammlung des Sicherheitsrats vom 24.08.2017 zum Thema „Kinder und bewaffnete Konflikte“ liest, glaubt man eine Horrorgeschichte zu lesen. Denn die sexuelle Gewalt an Frauen und Kinder nimmt mit den immer häufigeren Entführungen und Zwangsheiraten bisher unbekannte Ausmaße an. Die Behinderung der humanitären und ärztlichen Hilfe erschwert zusätzlich die Situation.

Über die Lage in der Zentralafrikanischen Republik räumt der Bericht ein, dass „Ausbeutung von und sexuelle Übergriffe an Kindern durch Angehörige der Friedenstruppen unter Befehl der UN oder anderer internationalen Abkommen die Sicherheit in der Zentralafrikanischen Republik weiterhin in besorgniserregendem Maße gefährden.“ Aber warum bleibt dieses Dokument unter Verschluss?

Der Bericht ist insgesamt alles andere als optimistisch. „2016 wurden mindestens 4.000 Übergriffe durch Angehörige von Regierungstruppen begangen. Über 11.500 Übergriffe durch bewaffnete, nicht staatliche Truppen wurden bestätigt.“ Darüber hinaus macht der Bericht auf die verheerenden Folgen für die Kinder aufmerksam – insbesondere bei Kindern in der Entwicklungsphase – wie beispielsweise das Auftreten eines aggressiven Verhaltens der Kinder untereinander. Es ist sehr schwer, das Ausmaß dieser Problematik zu ermitteln, da es an Augenzeugen fehlt oder weil die erlittenen Traumata infolge von sexueller Gewalt sowie die soziale Stigmatisierung der Opfer diese daran hindert, von sich aus auszusagen.

Die allerwenigsten Berichte und ähnliche Untersuchungen über Gewalt an Kinder und die Missachtung ihrer Rechte in Kriegsgebieten beschäftigen sich mit der Entstehung dieser Kinder. Diese Nichtbeachtung ist in Anbetracht der Kinder und Geburten der gegenwärtigen Migrationsbewegungen umso fragwürdiger. Obwohl es allgemein bekannt ist, dass diese Kinder sowie die meisten Frauen, die sie begleiten, aus Konfliktgebieten stammen, werden ihre Vorgeschichten sehr wenig beachtet. Von den Kontaktpersonen, die ich unter anderem bei der UNICEF befragt habe, bekam ich im Wortlaut folgendes zu hören: „Auf diesem Feld haben wir kein Fachwissen.“

Selbstverständlich haben erste Hilfs- und Pflegemaßnahmen, Unterbringung, Verpflegung sowie menschliche Betreuung absolute Priorität. Ebenso die Schaffung von Grundvoraussetzungen für ein würdiges Leben in unseren Gesellschaften. Man darf jedoch nicht vergessen, dass unsere eigene Geschichte uns häufig einholt, so wie ein Geist, der uns heimsucht. Deshalb unterstützen wir den am 19. Dezember 2016 und im November 2017 erneut geäußerten Wunsch der UN-Generalversammlung nach der Verwirklichung der UN-Kinderrechtskonvention. Darin wird an die Staaten appelliert, „das Recht des Kindes zu fördern und zu schützen, damit es unmittelbar nach seiner Geburt registriert wird, einen Auszug seiner Geburtsurkunde erhalten kann, bei der Geburt einen Namen erhält und eine Staatsbürgerschaft bekommt und – soweit dies möglich ist, seine Eltern kennt und von ihnen aufgezogen wird, insbesondere wenn das Kind riskiert, staatenlos zu werden“. Außerdem wird an die Staaten appelliert, „das Recht jedes einzelnen Kindes – auch eines Migrationskindes – zu achten, seine Identität, einschließlich seiner Staatsangehörigkeit, seines Namens und seiner gesetzlich anerkannten Familienbeziehungen, ohne rechtswidrige Eingriffe zu behalten. Und wenn ein Kind eines oder mehrerer Bestandteile seiner Identität beraubt wird, sollen ihm geeignete Unterstützung und Schutz gewährt werden, damit seine Identität so schnell wie möglich wieder hergestellt werden kann.“

Da auch wir uns um „die zahlreichen unbegleiteten Kinder sorgen, die jährlich vermisst werden“, appellieren wir eindringlich an die Staaten, „alle Fälle von vermissten Kindern zu untersuchen und die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um diese unbegleiteten Kinder besser zu schützen. Auf nationaler Ebene sollen außerdem die notwendigen Kapazitäten ausgebaut werden, um die Identität von Neuankömmlingen zu bestimmen, sie zu registrieren und ihnen Identitätsdokumente auszustellen.

Die Unterzeichnerstaaten sollten die Implementierung dieser Richtlinien durch ihre Parlamente erzwingen. Denn diese Richtlinien sind für „Kriegskinder im engeren Sinne“ von größter Bedeutung, damit ihre Identität durch amtliche Unterstützung wieder hergestellt werden kann und sie dank einer Staatsbürgerschaft gesetzlichen Schutz genießen können. Dies reicht jedoch nicht aus. Mütter müssen auch durch einen internationalen Status geschützt werden, der ihre Existenzsicherung gewährleistet. Wie bereits erwähnt ist die Schwangerschaft mancher Frauen den kriegerischen Umständen geschuldet. Andere Frauen haben ihre Flucht vor dem Krieg mit sexuellen Übergriffen bezahlt und sind jetzt schwanger. Diese Frauen müssen die Wahl haben können, das Kind zu behalten, um es unter guten Bedingungen auf die Welt zu bringen, oder die Schwangerschaft unter ärztlicher Betreuung abzubrechen.

Die Vereinten Nationen können lediglich Wünsche äußern. Die Richtlinien der europäischen Union hingegen sind für die Mitgliedstaaten verbindlich. Die „Kriegskinder im engeren Sinne“ von gestern fordern Sie eindringlich auf, Ihre Kräfte zu bündeln, um den „Kriegskindern im engeren Sinne“ von heute und morgen einen internationalen Status zu gewähren, der ihre Identität von Geburt an garantiert, sie und ihre Mütter vor sozialer Ausgrenzung schützt und ihre Ansichten respektiert. Wir selbst konnten dies nur selten erleben. Möge die Stimme unserer seelenverwandten „Kriegskinder im engeren Sinne“ erhört werden. Denn es darf behauptet werden, dass die Interessen eines Kindes und die Zukunft einer Gesellschaft von fundamentaler Bedeutung sind.

Abschließend bitten wir Sie, sehr geehrte Frau Rektorin, meine sehr verehrten Damen und Herren, häufiger – und am liebsten immer – auf das arglose und unvoreingenommene Kind in Ihrem Inneren zu hören.