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Video der Präsentation von Helmut SCHALL auf der CSF/HOG Jahresversammlung am 18. November 2017:

Peter Hoffmann et ses sœurs
dos de la Lettre adressée au père de Peter HOFFMANN
Lettre adressée au père de Peter HOFFMANN
Lettre adressée au père de Peter HOFFMANN
Lettre adressée au père de Peter HOFFMANN
Lettre adressée au père de Peter HOFFMANN

Helmut SCHALL

Vatersuche

Zur Person:

Seit mehr als 40 Jahren lebe ich in Feucht bei Nürnberg in Süddeutschland. Aufgewachsen bin ich in Ostbayern in dem kleinen Dorf Grafenkirchen in der Nähe der Kreisstadt Cham, nahe der Grenze zur Tschechischen Republik. In Cham machte ich 1964 Abitur, wurde später Realschul-lehrer für Mathematik und Physik. Geboren bin ich im Juni 1945, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

„Vaterlose“ Zeit:

Die ersten zehn Jahre meines Lebens bin ich vorwiegend bei der Großmutter auf einem kleinen Bauernhof in einem winzig kleinen Dorf Grafenkirchen bei Cham (Oberpfalz) aufgewachsen. Meine Mutter heiratete als ich 6 Jahre alt war. In den Jahren bis 1964 bekam ich insgesamt acht „Halbgeschwister“, vier Brüder und vier Schwestern. Dass ich einen anderen Vater hätte, darüber wurde gemunkelt, aber in der streng katholischen Gegend absolut nicht geredet. Ich selbst vermisste auch keinen „eigenen“ Vater. Seine Stelle nahmen für mich in der Kindheit die Brüder meiner Mutter ein. Als Jugendlicher grübelte ich zwar gelegentlich über „meinen“ Vater nach, wer es wohl sei, wo er wohl sei, aber ich vermisste ihn nicht. Das Verhältnis zu meinem Stiefvater war sehr distanziert. Zwei Halbschwestern, sechs und acht Jahre jünger als ich, wurden in ihrer Grundschulzeit von Mitschülern immer wieder gehänselt, ich sei gar nicht ihr „echter“ Bruder, ich sei ein „Franzosenbankert“. Sie kamen dann heulend aus der Schule zur Mutter, klagten über dieses Gespött. Die Mutter schimpfte sie nur, wies sie zurück mit Sätzen wie „darüber reden wir nicht, das ist Unsinn“. Ich selbst fragte die Mutter in der Kindheit und Jugend nie nach „meinem“ Vater. Ich glaubte dann, es sei mir gleichgültig, wer mein Vater gewesen sei.

Im Geburtsregister der katholischen Kirche wurde seinerzeit ein Bekannter meines Onkels, Offizier aus Gelsenkirchen eingetragen. Später erfuhr ich, dass  dieser Herr bereits 1943 im Krieg in Stalingrad gefallen war.

Vatersuche:

Angeregt durch eine Artikelserie im „Spiegel“ ca. 2007/2008 über die Kinder von Besatzungs-soldaten in Deutschland und Kinder deutscher Soldaten in verschiedenen Ländern, vor allem auch Frankreich, begab ich mich als bereits über 60-Jähriger auf „Vatersuche“. Im Spiegel fand ich die Adresse der WASt in Berlin, jetzt Deutsche Dienststelle. Nach mehreren Schreiben, Besuchen und Vorsprachen bei der Dienststelle in Berlin erhielt ich drei mögliche Namen. Meine Mutter lag zu dieser Zeit bereits im Sterben. Wenige Tage vor ihrem Tod hatte sie mir den Namen meines Vaters „verraten“: Marcel Coly. Die WASt setzte sich dann über das französische Verteidigungsministerium mit der Tochter meines Vaters in Brive-la-Gaillarde in Verbindung, ob sie  und ihre Familie zustimmen würden und bereit wären, mich zu treffen. Mein Vater war bereits 1996 verstorben, seine Frau ebenfalls. Meine Halbschwester war sehr interessiert. Nach mehreren Briefen fuhr ich an Ostern 2009 zusammen zum ersten Mal nach Brive-la-Gaillarde im Limousin. Das erste Treffen war ausgezeichnet: Meine Halbschwester Monique kam mir am Bahnsteig in Brive-la-Gaillarde entgegen und umarmte mich. Es war für sie, als wäre ihr Vater aus dem Zug gestiegen, sagte sie. Die Figur, die Gesten, die Körperhaltung – alles wie ihr Vater. Seitdem war ich bereits oft bei meiner Halbschwester und ihrer Familie, mehrmals pro Jahr. Mit ihrem Mann und der Familie ihrer Tochter waren sie auch bereits hier – auf „Spurensuche“ in Ostbayern.

Marcel Coly, mein Vater war bereits seit 1937 verheiratet gewesen und hatte zwei Töchter. 1941 geriet er im Elsass in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurde in das Lager Grafenwöhr in Ostbayern gebracht. Von dort wurden die Gefangenen als Erntehelfer und Knechte an Landwirte verteilt. Die eigenen Männer waren ja im Krieg. Mein Vater war zusammen mit 5 anderen in dem kleinen Dorf Grafenkirchen in Ostbayern, 10 km von Cham entfernt. Dort lernte er offensichtlich bei der Feld- und Erntearbeit meine damals 21-jährige Mutter kennen und lieben. Die Gefangenen fühlten sich in dem kleinen Ort offensichtlich sehr wohl, wurden von der Dorfbevölkerung wohl auch sehr herzlich aufgenommen. Ältere Männer, die meinen Vater damals als kleine Jungen kennen lernten im Dorf, schwärmen in dunkler Erinnerung jetzt noch von ihm. Er hätte ihnen immer Geschenke gemacht, wenn er Päckchen aus Frankreich bekommen habe. Für Frauen im Dorf machte er anscheinend auch mit Einwilligung des Pfarrers Kochkurse!

Der Journalist Thomas Muggenthaler aus Regensburg hat über diese „Vatersuche“ 2013 beim Bayerischen Rundfunk ein Feature gemacht. In der ostbayerischen Literaturzeitschrift „lichtung“ hat die Redakteurin Eva Bauernfeind im Oktober 2014 einen zusammenfassenden Artikel darüber verfasst.

Helmut Schall

Lettre adressée au père de Peter HOFFMANN
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