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Am 19. Januar 2016 verlieh die Freie Universität Brüssel (VUB) Frau Gerlinda Swillen den akademischen Grad der Doktorwürde in Geschichte .

CSF/HOG ist Frau G. Swillen dankbar, dass sie sich entschlossen hat, ihre Doktorarbeit dem Thema „Kriegskinder“ zu widmen. Wir sind der Meinung, dass durch ihre wissenschaftliche Studie über Kinder, die während des zweiten Weltkrieges von Eltern verfeindeter Ländern gezeugt wurden, die Problematik dieser „besonderen“ Geburten, – im Zusammenhang mit Kriegen vor oder nach dem zweiten Weltkrieg- Teil der GESCHICHTE geworden ist.

CSF/HOG: Frau SWILLEN, wir danken Ihnen für dieses Interview. Sie haben Ihre Doktorarbeit in Geschichte der Studie der Kinder aus dem 2. Weltkrieg gewidmet (Vorgeschichte – Geburt -Aufnahme), die von einer belgischen Mutter und von einem Angehörigen der Wehrmacht stammen. Betrachten Sie diese Geburten als eine historische Tatsache und gibt es einen Anlass, sie in die belgische GESCHICHTE aufzunehmen. Wenn ja, warum?

GS: Selbstverständlich. Ohne sich auf die Besetzungen und vorherige militärische Aktionen auf dem Territorium, das 1831 Belgien wurde, zu beziehen, haben mir 2008 belgische Historiker für den zweiten Weltkrieg gesagt, (ich wandte mich an sie, als ich auf der Suche nach meinem eigenen Erzeuger war), dass sie sich nicht bewusst waren, dass eine solche Problematik sich auch in Belgien stellen könnte. Schon im Falle der Kinder aus dem ersten Weltkrieg wurde die Geschichte durch den französischen Historiker Stéphane Audoin-Rouzeau für Frankreich mit Bezugnahme auf Belgien kaum erforscht. Auf meinen Aufruf, im Fernsehen und in der Presse auszusagen, bestätigten mir Enkel von 1914-1918 Geborenen dieses Versäumnis. Ich wollte nicht nur mit Familiengeheimnissen, sondern generell mit der Geschichtsschreibung brechen. Das Schweigen über diese Kinder ist weltweit verbreitet und wiederholt sich heute mit den „Kindern des Feindes“, die den Strom der Flüchtlinge begleiten, der heute Europa erreicht. Einige Frauen bezahlen ihre Flucht mit sexuellen Kontakten, die manchmal auch Geburten nach sich ziehen. Aber darüber wird in den Medien selten gesprochen.

CSF: Könnten Sie uns sagen, wie die Zielsetzung Ihrer Studie die Mütter, die Kinder, die Beziehung Mutter/Kind betrifft? Wie haben Sie die Väter integriert, nachdem sie fast immer Unbekannte für die Kinder sind?

GS: Diese Frage trifft genau den Kern meines Vorgehens. Bis heute war das Interesse der Forschenden und mehr noch der Medien auf die Mütter, die Erzeugerinnen der Kriegskinder gerichtet. Als ob die sexuellen Beziehungen der Frauen ohne Partnern erfolgten – von ihnen ist wenig die Rede – aber nach dem Konflikt waren es vor allem Männer die darüber urteilten. Schließlich gewann die Sensationsgier überhand und trübte den Blick für das Wesentliche: die Folgen. Die Kinder sind eine der wichtigen Folgen, in einer Zeit, in der die Empfängnisverhütung nicht sehr wirksam war aber ihre Stimmen wurden nie gehört. Der norwegische Historiker, Käre Olsen, war sich dessen bewusst als er 1998 in seinem Buch über die Kinder von norwegischen Müttern und Mitgliedern der Wehrmacht, schrieb, dass die Historiker viel über die Mütter berichtet hätten, es nun aber an der Zeit wäre, die Kinder zu hören.

In der Tat hat Fabrice VIRGILI, trotz seiner Verdienste um die französische Geschichte, sich nur mit den Kindern befasst, sie aber nicht selbst zu Wort kommen lassen. Aus diesem Grund wollte ich die Geschichte der Kinder von ihrem Standpunkt aus, mit ihren Aussagen und ihren Fragen aufarbeiten. Ein Jury-Mitglied bemerkte, dass es in meiner Doktorarbeit sehr oft um die Erzeuger, bzw. die Väter geht.

Tatsächlich ist es wichtig für jedes Kind, das im Krieg gezeugt wurde: zu wissen und zu verstehen. Es fragt sich, wer ist/sind sein/seine Erzeuger, unter welchen Umständen kamen die Begegnungen zustande…? Um seine Befragung überzogen zu betrachten, könnte man meinen, er wolle am Zeugungsakt teilnehmen. Daraus stellt er sich die Gefühle seiner Eltern ihm gegenüber vor. Wenige Menschen verstehen diesen Aspekt: das Kind sucht nach Beweisen der Liebe zwischen den Erzeugern; einer Liebe, die abfärbt auf ihre Beziehung – mehr noch auf die Beziehung der Mutter zu ihm, bzw. auf ihr/seinem Kind.

Es war also sehr wichtig, die Spur der Väter zu finden und den Begriff des “schwangeren Mannes” einzuführen. Denn der Mann ist sich seiner Schwangerschaft nur bewusst, wenn die Frau sie ihm mitteilt. Ab diesem Moment setzt sich ein Prozess in Gang, der der einer Frau sehr ähnlich ist : werde ich dieses Kind akzeptieren, wie werde ich meine Vaterschaft / Mutterschaft annehmen (und das in einer Zeit und Umständen, in der Schwangerschaften selten geplant oder erwünscht waren). Es gibt Dokumente die belegen, dass Väter versuchten, von Berlin, eine Heiratserlaubnis zu bekommen und Briefe in denen sie sich Sorgen um das Kind machten. Ich entdeckte solche väterlichen Gefühle, die sich entwickelten und Bedenken hervorriefen. Gleichzeitig relativiere ich das mütterliche Gefühl, welches keinem Mutterinstinkt folgt, sondern wie beim Mann, eine Akzeptanz für die Schwangerschaft voraussetzt, sowie ein Lernprozess in einem oft, der Mutter gegenüber, feindseligen Umfeld “schwanger vom Feind”.

CSF/HOG : Diese durch Kriege entstandenen illegalen Geburten sind ein wiederholt auftretendes Phänomen. Alle vergangenen, gegenwärtigen und wahrscheinlich zukünftigen Konflikte werden Beziehungen entstehen lassen, zwischen Männern, die fern von zuhause sind und Frauen aus dem Land in das sie geschickt werden. Ist, Ihrer Meinung nach, Ihre Studie über belgische Kinder, übertragbar auf alle Kinder, unabhängig der Nationalität ihrer Erzeuger?

GS : Aber natürlich. Belgien ist der Beweis, wenn auch in reduziertem Maße. Denn Belgien, von der Wehrmacht besetzt, schließt auch Nordfrankreich mit ein. In meiner Doktorarbeit nehme ich mich einer umfangreichen Akte an, die von einer leidenschaftlichen Beziehung zwischen einem deutschen Soldaten der Marine und einer jungen Französin aus dem “Pas de Calais” erzählt. Die deutsche Botschaft in Brüssel befasste sich mit den Anträgen der Heiratserlaubnis und der Lebensmittelunterstützung für einen deutschen Staatsangehörigen und eine Französin in diesem französischen Gebiet. Die andere Seite von Belgien, die sogenannte deutschsprachige Seite, -die wir lange die Ost-Kantone nannten, wurde vom Dritten Reich annektiert. Ihre Bewohner wurden wieder Deutsche. Dies hat die Geburten von Kriegskindern nicht verhindert, gezeugt von Männern, die als Militär und aus anderen Teilen von Deutschland kamen. Die Probleme dieser Kinder gestalteten sich ein wenig anders, aber die Folgen der Zurückweisung, der Misshandlung und vor allem die Fragen zu ihrer Herkunft waren identisch, und als Zugabe kamen die Folgen der Verfolgung ihrer Eltern durch den belgischen Staat nach dem 2. Weltkrieg. Einzelheiten können unterschiedlich sein, aber die Haltung im engeren Sinn gegenüber Kriegskindern scheint eine weltweite Tatsache zu sein.

CSF/HOG: In Ihrer Doktorarbeit unterscheiden Sie zwischen “Kinder des Krieges” und “Kriegskinder”. Können Sie klarstellen, wie diese Bezeichnungen zu deuten sind?

GS: Dieser Unterschied, den ein Franzose machen könnte, wird weder von den Forschern noch von den Lesern oder Hörern wahrgenommen und kann auch nicht in die germanischen Sprachen übersetzt werden. Der Engländer spricht von Kindern, Geborenen des Krieges (“born of war”). Da sollte man tatsächlich unterscheiden zwischen Kindern, die auf die eine oder andere Art, den Krieg erlebt haben, wovon einige während des Krieges geboren wurden, von “normalen” Ehegatten. Die Kriegskinder sind jene, deren Eltern sich wahrscheinlich, ohne die Kriegsumstände, nie getroffen hätten. Aber weil diese kleine französische Differenzierung selten wahrgenommen wird, habe ich eine akzeptable Terminologie gesucht, wenigstens für die Sprachen der indoeuropäischen Familie. So habe ich mich für die Abkürzung der lateinischen Redewendung: “ sensu stricto / strictiori “ vorliebgenommen(in einem strikten/strikteren Sinn), die ich dem üblichen Ausdruck hinzufüge. Auf Deutsch: Kriegskind s.st. auf Französisch: enfants de (la) guerre s.st.

CSF/HOG: Das Ziel unseres Vereins ist es, unseren Mitgliedern zu helfen, sich aus dem Zwang ihres auferlegten Familiengeheimnisses zu befreien, das sie durch ihre Geburt (außerhalb der Norm) oft belastet. Wie beraten sie bei der Suche nach der väterlichen Familie. Wir finden aber auch, dass unsere Wegstrecke, unsere Leiden, aber auch unsere “Schande” allen Kriegskindern, den heutigen, wie den zukünftigen, erspart bleiben sollten. Sie sollten den legalen Zugang zu den nötigen Informationen bekommen, um ihre Herkunft herausfinden zu können. Verstehen Sie unsere Ziele und würden Sie uns beipflichten?

GS: Ihre Frage betrifft 2 wichtige Aspekte. Wie ein Kriegskind, das ich während meinen Recherchen interviewt habe und das auch bei meiner Promotion anwesend war, es treffend formulierte: „Selbst wenn wir Kriegskinder s.st. es nicht schaffen unseren Erzeuger und seine Familie zu finden, so ist diese Doktorarbeit eine Würdigung unserer Existenz und ein Hinwegsetzen über die Tabus, die uns durch das Familiengeheimnis, belastet haben”.

Die Menschheit kennt Konflikte und Kriege und deshalb ergibt diese Eröffnung nur einen Sinn, wenn es den Kriegskindern gelingt, die Dokumente einzusehen, die ihre Herkunft beweisen und ihnen einen wirklich legalen und sozialen Schutz zukommt. Diese Doktorarbeit kann nur ein erster Schritt sein, hin zu einem internationalen Status, der Schutz und das Recht auf Identität garantiert. Ein weiterer Schritt besteht darin, mit politischer Unterstützung, ein Projekt zu erarbeiten, um diesen Status zu realisieren. Auch wenn es nur eine symbolische Geste ist, so habe ich meinen Doktortitel jenen Kriegskindern gewidmet, die geboren sind und jenen die noch geboren werden.

CSF/HOG: Haben Sie Ideen oder Ratschläge, die geeignet wären uns zu helfen?

GS: Da unser Alter fortschreitet, müssen wir uns um die Ablösung bzw. den Nachwuchs kümmern. Einige Vereine wurden schon von den Enkeln der Kriegskinder s.st. des 2. Weltkrieges angesprochen oder auch von anderen jungen Menschen, die Interesse an dieser Problematik haben. Wir dürfen uns nicht scheuen, in die Öffentlichkeit zu treten. Die nationalen und internationalen Politiker – vor allem in Europa – müssen sich darüber im Klaren sein, dass unter den heutigen Flüchtlinge auch Kriegskinder s.st. sind und sollten auch ihnen eine legale und soziale Priorität zugestehen. Wichtig wäre es auch, die öffentliche Meinung zu sensibilisieren und die Medien mit einzubeziehen. Aber eine grund-legende Maßnahme wäre auch notwendig: diesen internationalen Status anzustreben und uns mit den Vereinen anderer Länder abzusprechen.

Vor allem sollte jede punktuelle und notwendendige Hilfe – ohne Zweifel wichtig- uns nicht von unserem Hauptziel abbringen, Ein Status, der uns die Archive öffnet und uns Schutz und Identität gewährt.

CSF/HOG: Wir danken Ihnen und werden Sie gerne auf Ihrem Weg für die Sache, die auch die unsere ist, begleiten.

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