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Ein sehr schöner Brief, den der französische Bruder eines Kriegskindes Herzen ohne Grenzen gesendet hat.

An die Mitglieder des Verwaltungsrats und Ehrenamtlichen von Herzen ohne Grenzen.

Heute – 21. August 2011 – sitze ich im TGV Strasbourg-Paris auf meiner Rückfahrt von Offenburg und lasse die vielen Bilder eines Begegnungswochenendes zwischen Jeanette einerseits und Jean und Benoît andererseits in meinem Kopf durchgehen. Geschwister sind wir über unseren Vater.

Jeanette wurde aus der Begegnung zwischen unserem Vater und ihrer Mutter am 1. Juni 1946 in Offenburg geboren.

Unser Vater und ihre Mutter haben nicht geheiratet. Später heiratete Jeanettes Mutter und so bekam die Tochter einen Adoptivvater. Bereits in ihrer Kindheit erfuhr sie, dass sie die Tochter eines französischen Soldaten ist, bekam aber keine weiteren Informationen. Ihr Leben lang hat sie sich gefragt, wer ihr Vater ist.

Wir unsererseits ahnten die Existenz eines Familiengeheimnisses im Leben unseres Vaters.

Mit der Zeit wurde dieses Geheimnis unter den Geschwistern zu einem offenen Geheimnis. Und es nahm die Gestalt einer geheimnisvollen Geschichte über unseren Vater an; Leider ist es bis zu seinem Tod im Jahr 2003 nie zu einem Gespräch mit ihm über diese Geschichte gekommen.

Nach seinem Tod haben alle vier Geschwister beschlossen, das Schweigen unseres Vaters zu brechen und wir haben Benoît, unseren Bruder, der seit seinem 20. Lebensjahr in Deutschland lebt, dazu ermuntert, auf die Suche zu gehen. Diese Suche blieb 2004 allerdings erfolglos.

Im Juni 2011 fand Jeanette uns dank der Unterstützung von Herzen ohne Grenzen. Als sie Benoît kontaktierte, der mit seiner Familie in Köln lebt, begann für uns ein neues Kapitel unseres Lebens. Sehr schnell organisierten Jeanette und Benoît ihr erstes Treffen in Offenburg am 9. Juli 2011.

Als ich von Benoît informiert wurde, war auch ich sehr gespannt, Jeanette kennen zu lernen. So vereinbarten wir ein Treffen in Offenburg am 20.-21. August. Benoît war dabei, damit wir uns in Deutsch unterhalten konnten.

Zwei Tage lang haben wir, Jeanette und ihr Mann Joe, Benoît und ich, sehr tiefgründige und schier unsagbare Emotionen erlebt und geteilt. Wir sind uns über die Bedeutung unserer Begegnung einig. Wir sind uns auch darüber einig, dass wir uns besser kennen lernen wollen und dass nun jeder Einzelne mit seinem eigenen Anteil dieser Geschichte, die uns ja verbindet, seinen Platz in einem neuen Kapitel unseres Geschwisterlebens finden wird. Einzig die Frage, weshalb unser Vater damals Offenburg verlassen hat, wird ungelöst und als Geheimnis in unserer Geschichte bleiben.

Mit diesem Brief möchten wir den Initiatoren und freiwilligen Mitarbeitern von Herzen ohne Grenzen unsere Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Wir möchten ihnen unsere Freude mitteilen und ihnen sagen, dass diese Begegnung uns den inneren Frieden gebracht hat.

Jean Marchal